SELECTED WORK
ABOUT
NEWS/UPCOMING
CONTACT
EXHIBITIONS
TEXT
(c) Micha Wille 2019
Lesen Sie?

Bilder werden anders gelesen, als Worte. Und doch sagt Micha Wille: „Ich will, dass meine Malerei funktioniert, wie gute Literatur.“ Man sieht ein Bild, liest die einzelnen Teile und erkennt dahinter die Zeichnung der Geschichte. Eine Annäherung in drei Kapiteln und Werken von Katharina Kielmann.

Wir stolpern geradewegs in das erste Kapitel: Auf dem Boden liegen Leinwände, die mit Baustellengurten zu zwei Paketen zusammengebunden sind, je ein kleines auf einem größeren. Ein weiteres Bild hängt an der Wand. Es ist eine Installation, mit dem Titel `The artist has presents`. Die Bilderpakete liegen schräg zueinander. Alles wirkt plötzlich und spontan, als ob Micha gerade noch dagewesen wäre. But the artist is not present. Stattdessen sehen wir verschnürte Bilder, die an Geschenke erinnern, während das dritte Bild von der Wand grinst. Es ist ein Smiley mit einem gesprayt wirkenden Mund und gemalten Legosteinen für die Augenpartie. Auf den Leinwänden am Boden sind ebenfalls Gruppen dieser Spielsteine zu sehen, eingerahmt in rosarot gesprühte Wolken. Alles schwebt in triefenden Fäden auf weißen oder grob angestrichenen Leinwänden.
Und schon stecken wir im tiefen Dilemma zwischen offensichtlich Erkennbarem und rätselhaft
Verstricktem, ohne zu ahnen, dass Micha Wille die Pinselführung fest in der Hand hat. Diese Legosteine, Wolken und das auf einem Ölbild gemalte Smartphone, sind Anspielungen auf Sachen, die wir uns wünschen, mit denen wir uns vergnügen. Doch sie sind nicht sicher, sie haben keine Stabilität, sie schweben und triefen dahin, und lächeln uns herausfordernd an und aus.
So dachten wir zuvor, nur über einen homophonen Witz lachen zu dürfen, der mit einem verstörenden Entré begann, um dann in eine Sinnfrage zwischen Versprechung (presence) und Erwartung (presents) gestürzt zu werden. Micha Wille setzt Prägungen ihrer Gegenwartsthemen in Zeichen um, die sie zu neuen Geschichten zusammen stellt. Diese Geschichten sind auf den ersten Blick kurz, wie ein Witz, und öffnen sich dann auf verschiedenen Ebenen.

Im nächsten Kapitel ist zu lesen: „Micha Wille says she is a bad painter which means you are all screwed :)!!“ Dieser Titel steht auf einer fast quadratischen Leinwand in Negativbuchstaben auf grün gesprühtem Grund geschrieben. Es ist ein ungleichmäßiger und wackeliger Schreibstil und erinnert an eine Collage aus unterschiedlichen Druckbuchstaben aus verschiedenen Zeitungen. Dabei ist „BAD“ das einzige Wort, das besser zu lesen ist, weil es in gleichmäßigen, gleichgroßen Buchstaben auf einer Höhe zu lesen ist und „Screwed“ erhält besonders große Buchstaben. Abgeschlossen wird der Satz mit einem gesprühten Emoji, Doppelpunkt und Klammer nach links geöffnet, gefolgt von zwei Ausrufezeichen. Der Text liest sich zuerst wie eine trotzige Anklage, bis man merkt, dass hier genau diejenigen aufs Korn genommen werden, die so agieren, allerdings in der Malerei. So hinterlässt uns Micha Wille eine verstörende Ansage, die nicht aus dem Bild zu denken ist, denn der Titel der Geschichte ist Teil des Bildes.
Außer der Schrift sind zwei rechteckige Bilder auf der Leinwand zu sehen. Das Rote links oben ist eine einfarbige Fläche mit Fingerspuren, die unkoordinierte Kringel zeigen. Dem gegenüber erinnert das blaue Bild rechts unten an Monet. Das Rote ist an den oberen Ecken mit Klebeband befestigt, beim blauen Bild fährt aus dem unteren Rand die Farbe in ein paar Strichen und Trülereien heraus. Abschließend führt eine sehr grob gezeichnet Linie am äußeren Rand der Bildfläche entlang, als ob eine Heftklammer alles zusammenhalte. Dem gegenüber sollen die Klebebänder des roten Bildes wirklich so aussehen, als ob sie ihre Funktion erfüllen, denn sie sind ein Trompe-l’œil. Diese Techniken stellen zusammen mit der Schrift, dem Abstrakten und dem Abbildenden eine bunte Sammlung an Zitaten der bildenden Kunst dar. Sie sind auf eine offen-chaotisch wirkende Art miteinander verschränkt, als ob hier ausreichender Raum gelassen wurde, um über Verhältnisse und Bezüge nachdenken zu können. Oder, um sie erneut zu verklären, denn die Blumen im vermeintlichen Monet stellen sich beim näheren Hinsehen als Popcorn heraus. Fastfood in einem Tümpel, obwohl man zuerst `den` Seerosenteich von Monet darin sieht?!
Wieder wird die Stabilität vermeintlicher Stereotype in Frage gestellt. Diesmal, indem Micha Wille einen Themenpark der Malerei vorführt, sodass wir selbst nicht mehr wissen, warum wir sehen, was wir sehen, um zu fragen: „who is to say, this is a good painting, and why?“ Dabei will sich Micha Wille nicht in der Hierarchie nach oben setzen, sondern hinterfragen, wie wir Malerei lesen, beziehungsweise, wie man sich im Kunstbetrieb dieser Leseweise bedient.

Mit einem Männchen beginnt das dritte Kapitel. Auf dem Gemälde ist ein älterer Mann mit Glatze, Stirnfalten und einem blau-weiß gestreiften Pulli zu erkennen. Rechts davon steht in einer rot gesprühten Sprechblase geschrieben.: „I like the art world, you should go there, JayZ is there already“. Wieder ein Text im Bild, nur diesmal von Picasso gesprochen. Wieder Verwirrung mit einem starken Auftritt, diesmal mit zwei Protagonisten, einem Maler der zeitlebens Berühmtheit erlangte, aber schon tot ist, und einem zeitgenössischen Rapper, der nicht minder bekannt ist, allerdings in der Musikwelt. Zeitlich vereint werden sie durch einen dritten Mitspieler hinter den Kulissen, Maurizio Cattelan. Denn eigentlich wird hier dessen lebensgroße Picassopuppe gezeigt, mit welcher er skurrile und komische Situationen kreierte, unter anderem in der Kunstszene. Und nun verselbstständigt sich die Puppe auf diesem Gemälde. Das Männchen scheint an einem runden Tisch zu sitzen, auf dem wiederum ein undefinierbarer Kasten liegt: Francis Bacon in der Totalen! Näher ausgeschnitten wird diese Szene mit einem räumlich verzerrten Bildausschnitt. Im Hintergrund sind drei rosafarbene Flächen angezeichnet.
Es wirkt wie ein zusammengeschachteltes Bühnenbild in dem die Picassopuppe selbst in einem Gemälde sitzt, inmitten einer Gemäldeausstellung. Und mit übergroß-wichtigem Kopf spricht sie eine Referenz für die Malerei aus, denn ein berühmter Musiker sei schon da. Dabei behauptet JayZ wiederum in einem seiner Songs: „I´m the modern day Pablo Picasso baby“.
Hier werden nicht Genres miteinander vermengt, sondern unterschiedliche Medien werden durch Querverweise und Einbettung ineinander verschränkt. Wie ein infiniter Regressor, wird das Schlamassel gesellschaftlicher Pflege des Kunsthaushalts zwischen Referenz und Herkunft in einer Art Theaterstück vorgeführt, welches Micha Wille auf die Leinwand malt. Dabei betrachtet sie die gesellschaftlichen massenmedialen Bewegungen wie einen Schundroman, dessen Codes es zu durchbrechen und zu hinterfragen gilt, um daraus ihren eigenen `Roman´ auf der Leinwand abzuspielen, ohne zu vergessen, dass man die Menge am Besten mit Humor gewinnt, wenn das Männchen beide Daumen hoch hält, wie auch der Titel sagt: `Two thumbs up for the art world`.

Micha Willes Bilder lesen sich wie Analysen, deren Schlussfolgerungen wie eine Pointe eines gut erzählten Witzes wirken. Dafür wählt sie eine niedrige, allgemein verständliche aber nicht minder verstörende Anlauframpe, um uns dann in einem Pinpong-Spiel zwischen Titel und Bild in eine fiktive Situation zu schleudern, die mit einem tiefen Abgang ausläuft. Hierfür werden unsere Lesegewohnheiten von Malerei auf die Probe gestellt, indem Micha Wille vortäuscht, kombiniert, verschränkt und verzerrt, um gerade auf ihre malerische Art und Weise die Sache wieder in Ordnung zu bringen. So nutzt sie Strukturen der Literatur direkt und indirekt, um in der Malerei konzeptuell agieren zu können, ohne jemals auf ein Buch reduziert werden zu können.